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SCRIPTOPHONIE

Hans Rudolf Zeller, Metaphilosophische Voraussetzungen der Schrift-Laut-Musik
PHREN 5.-17. Jahrestagung 1981-1994, Dokumentation Teil II, Freiburg i.Br. 1996

"... Wir haben zu wählen: zwischen neuartigen Bezeichnungsweisen, Zeichensystemen, um "Neues" auszudrücken und einer neuen Bestimmung der Zeichenfunktion selbst. Ob wir im Grunde komponieren wollen, d.h. aufschreiben oder ob wir das Komponieren selbst zum Problem machen wollen. Sobald, in welcher Form auch immer, etwas fixiert wird, bewegen wir uns im zugewiesenen Feld. Erst wenn das Fixieren selbst in Frage gestellt ist, sind wir im Freien. Was heißt Komponieren? Warum wird fixiert, was geschieht eigentlich, wenn fixiert wird? Der moderne Sprachbegriff erlaubt es, für alles Ausdrückbare Zeichen zu finden. Wer daran nicht irre wird, ist entweder naiv oder bewußt reaktionär hinter radikaler Tarnfarbe.

... Wer sich dem Problem stellt, muß praktisch aufs Komponieren, wie's bisher verstanden wurde, verzichten, d.h. auf's Stücke-schreiben, "Formen"-erfinden, "Klangvisionen"-äußern u.a. Denn dies ist alles zur Genüge erforscht, es gibt keine unbebauten Stellen mehr (für Epigonen ist natürlich noch genug Spielraum vorhanden)."Der "Verzicht" wurde keineswegs nur gefordert - er hatte Konsequenzen. Die erste war eine Reihe von Klavierimprovisationen, zumeist mit Objekten im Inneren des Flügels operierend und auf Tonband fixiert. Parallel dazu entstanden die Zyklen der "Impuls-Schriften", und fast stets war dabei das zu Fixierende, das gemeinhin einzig relevante "Resultat" zunächst noch völlig unbekannt, viel wichtiger und faszinierender hingegen das Fixieren selbst, die Erfahrungen am Leitfaden eines Ensembles ungewöhnlicher Fixierungsweisen entlang, eines Konzepts, das die ersten Impulse vermittelte und durchaus auch viele improvisatorische Momente zuließ.

Doch schon damals, in den 60er Jahren, lange vor den Sprech-Schriften von 1980, wurde versucht, nicht nur die - möglicherweise auch von anderen realisierbaren -Konzepte aufzuzeichnen, sondern ebenso die einzelnen Phasen des Schreibvorgangs selbst, also die Schriftzüge, ihre Position, Ausdehnung, Bewegungsrichtung, ihr Tempo etc., und dabei wurden aus konventionellen Zeichen, wie etwa Buchstaben, unversehens Bewegungs-motive einer genuin musikalischen Choreo- oder vielmehr Scriptographie. Ähnliches galt übrigens für die als Phoneme vorgegebenen Laute: auch sie sollten in einer neuen, nicht-phonetischen Vokalnotation nur mehr als Modelle für speziell konzipierte, daher variablere Bewegungen der Artikulationsorgane selbst fungieren. Beide Notationsweisen beziehen sich somit auf vorgegebene, dennoch veränderbare, zu variierende, aber auch aufzulösende, gestisch zu pointierende Abläufe für die agierenden Organe Hand und Mund, im Gegensatz etwa zu Konzepten, die mit skripturalen und/oder vokalen Elementen operieren. So reduzierte sich das "Material" der Musik für einen Schreiber (ca. 1967) auf das Zeichen X, das sich vertikal gelesen aus dem Buchstaben v und seiner Umkehrung - beide zugleich Symbole der Logik - zusammensetzt; horizontal aus den beiden Anführungszeichen, oder auch aus zwei Diagonalen ... Das v steht als Graphem für das Phonem "v", die Anführungszeichen verweisen auf ein ungeschriebenes Wort, einen Satz oder einen Text und die Diagonalen auf die Fläche, auf der sie, in der Schreibbewegung so schnell wie möglich alternierend, die Zeilen einer unlesbaren Schrift simulieren können. 

Aber trotz aller analytischen Betrachtungen symbolisiert das X unvermindert das (oder die) Unbekannte, so sehr es sich im Verlauf der Aktionen in ein Beziehungsgeflecht aus den verschiedenen "Bedeutungen" dieses Zeichens aufzulösen scheint. Die quasi zweistimmige "Notation" der schriftlichen und vokalen Artikulationsweisen in DIA-LOG, i-reell und anderen Stücken hingegen markiert ebenso die kontinuierlichen Übergänge wie auch das zuweilen brüske Hin und Her zwischen beiden, vor allem jedoch deren unaufhebbare Differenz insofern, als sie verschiedenen Dimensionen - Raum und Zeit -angehören und gleichzeitig an verschiedene Wahrnehmungsweisen appellieren: an ein Lesen, das auch die inneren Klänge (im Sinne Kandinskys) hört wie an ein Hören, das sich auf die äußeren, im Raum erzeugten oder reproduzierten Klänge konzentriert. Mit den Dimensionen und den für sie jeweils charakteristischen Wahrnehmungsweisen waren auch die für die skripturale und vokale Projektion jeweils prädestinierten Medien bereits vorgezeichnet, auch wenn sie - je nach Konzeption - erst nach und nach relevant wurden. Was für das eine Schrift-Laut-Konzept der Diascriptor, war für das andere der Schreibblock oder die Video-kassette, wenn nicht sogar alle drei und vielleicht noch mehr - gebraucht werden und überdies auch der vokale Part auf Kassette vorproduziert ist. Vorrang hat indes stets die unmittelbare Projektion der skripturalen und vokalen Artikulationen in der Aufführung, so sehr sie in Form von Reproduktionen auch ihre Gegenbilder oder eine frühere Fassung des gerade entstehenden Stücks zitieren mag. 

Damit wären jedoch erst die Dimensionen und Medien bezeichnet, die eine konsequente Schrift-Laut Musik zur Realisierung ihrer Konzepte neu entdecken und notfalls auch modifizieren muß, in und zwischen denen sie sich bewegt und (möglicherweise)realisiert. Gerade die Differenz und Unvereinbarkeit der Dimensionen wird derart zum movens, das dazu anregt, ja zwingt, innerhalb einer jeden zu bislang unbekannten Differenzierungen zu gelangen, sie wenigstens anzudeuten, schon durch die geringste Bewegung auf der Fläche oder im Schallfeld. Zuweilen werden allerdings doch wieder eher Geschichten erzählt, wenn auch die von Zeichen und ihren Abenteuern alias Transformationen. Anders hingegen, wenn ein Konzept die conditio jeglicher Schrift-Laut-Musik symbolisch darstellt, und damit das Auseinanderklaffen der Dimensionen von Sprache wie Musik, so in Text, räumlich-zeitlich und hernach in SPRACHE, in deren zweiter Phase eine extrem zeitlupenhaft gedehnte Artikulation des Wortes "Sprache" seiner beliebig lange und langsam auf dem Folienband sich ausdehnenden skripturalen Fassung zu entsprechen sucht und dank solcher Konkretion der "Parallelisierung" sowohl die unwillkürliche Gleichsetzung wie auch die ganz und gar utopische Aufhebung der getrennten Dimensionen von Stimme und Schrift unerreichbar erscheint.

 
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Stand: 07. February 2012 : Zugriffszähler